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Ein vorsichtiger Versuch das Gerät einzuschalten ging über den Trenntrafo. Angefangen mit etwa 100 Volt habe ich dann schrittweise auf 220 Volt erhöht. Weder das Wattmeter noch die Ampereanzeige melden dabei ungewöhnliches. Zumindest ist also kein Kurzschluß vorhanden. Die drei Röhren glühen leicht und das Skalenbirnchen brennt leicht flackernd. Sonst tut sich nichts. Kein Rauschen, kein Kratzen, einfach nichts. Auch der typische Brummtest (mit dem Schraubenzieher in den TA-Eingang gehen) ergibt nichts. Erst nachdem ich den festsitzenden Lautstärkeregler vorsichtig mit einer Zange gedreht habe kommt ein leichtes kratzen aus dem Lautsprecher. Da ich ja bereits ein Radio mit fast identischer Technik habe (Musikgerät 88) werde ich mich von dieser Leiche wohl wieder trennen. Allerdings habe ich entschlossen mich einmal an dem Gehäuse zu versuchen. Mit Holzbearbeitung stehe ich ja auf Kriegsfuß. :-) Hier kann ich zumindest keinen Schaden mehr anrichten. Hier Raumschiff Enterprise, Sternzeit 2 Tage später. :-) Die Gelegenheit ist günstig, meine Frau ist nicht da und ich habe etwas Zeit. Zudem habe ich erst gestern einen interessanten und lehrreichen Beitrag über Holzbearbeitung gehabt. Die Belehrung fand bei unserem 11. Stammtisch Niederrhein statt. Angespornt davon und die Gewißheit nichts wesentliches kaputt machen zu können bin ich also in meinen Keller gestiefelt. Als erste Aufgabe stand natürlich der Ausbau des verotteten Chassis an.
Verwöhnt von dem technisch fast baugleichem Musikgerät 88 habe ich also die vier Schrauben des Chassis gelöst und wollte dasselbe nach hinten rausziehen. Pustekuchen! Das Chassis blieb mit dem Tastensatz am Gehäuse hängen. Also muß schweres Gerät her um die Tasten, wie eigentlich immer, nach oben hin abzuschlagen. Also mit einer Kombizange und einem Gummihammer vorsichtig auf die erste Taste geschlagen. Diese ist dann auch wirklich ganz vorsichtig kaputt gegangen! :-(
Eine nähere Inspektion der Ursache ergab dann auch die Lösung! Die von mir vorher nicht beachteten 4 Schrauben am Gehäuseboden halten denselben. Dabei wird das Gehäuse von zwei Metallbügeln aneinander gehalten. Die zwei hinteren Schrauben sind mit Muttern gesichert, die beiden vorderen halten durch ein Gewinde der zwei Klemmbleche. Nachdem diese Hürde genommen war konnte ich das Chassis nach dem ablöten des Lautsprechers nach hinten rausziehen. Erst jetzt war ersichtlich das man die Tasten nach vorne abschlagen muß! Aber selbst das ging ungewöhnlich schwer. Ab der dritten Taste habe ich dann den mit 400 Grad erhitzten Lötkolben auf die Metallhaltestange gepreßt und dabei vorsichtig mit der Kombizange nach vorne gedrückt. Erfolgserlebnis Pur! :-) Butterweich lösten sich die Tasten vom Chassis!
Erst jetzt fiel mir auf das die Tasten von innen alle anders sind. Jede Taste hat fünf Nuten und alle sind anders, gekennzeichnet durch einen Plastikstift, eingesetzt. Der Einfachheithalber habe ich die Tasten dann ganz dünn mit einem Filzstift von innen durchnummeriert.
Wenden wir uns also dem total verkommenen Gehäuse zu.
Ich habe mich für die Radikalmethode entschlossen: Schwingschleifer mit dem gröbsten was meine Werkstatt zu bieten hat: 40er Papier! Die einzelnen Ergebnisse brauche ich jetzt nicht mit Bildern zu dokumentieren, das Endergebnis dürfte klar sein. Der Gehäusedeckel mußte teilweise bis unter das Furnier geschliffen werden um die Flecken verschwinden zu lassen. Die Seiten sowie die Front gingen dabei in Minutenschnelle. Für die Kanten habe ich meinen Dremel bemüht und die Feinheiten tatsächlich per Hand (schwitz! :-) ) bearbeitet. Da ich ja wie erwähnt von Holz keine Ahnung habe ist mir natürlich auch ein wahrscheinlicher Anfängerfehler passiert: Ich habe an den Kanten geringfügig zu viel geschliffen. Aber man ist ja lernfähig. Morgen kaufe ich mir dann farblich passende Beize und dann sehen wir weiter. :-) Bis dahin also...... Naja, das mit der passenden Beize hatte sich erledigt. Da die sehr starken Flecken auch mit abschleifen nicht zu entfernen waren habe ich mich entschlossen das Gehäuse in einem dunkleren Ton zu beizen.
Herr Peter Hansen aus Hamburg gab dann den Tip das Gehäuse mit Hartöl zu lackieren. Das Hartöl ist eine Versiegelung für Fußböden, Arbeitsplatten und ähnliches. Wie beim Schellack erhöht sich der Glanzeffeckt nach jeder Lackierung. Ich habe das Gehäuse insgesamt drei mal lackiert. Nach jedem Trocknungsvorgang von mindestens 24 Stunden wurde mit immer feinerem Schmirgelpapier wieder geglättet. Die letzte "Ölung" kam dann nach dem Schmirgeln mit 310er Papier. Natürlich war ich in der Trockenphase auch nicht faul. :-) Ich habe mich der Lautsprecherwand angenommen. Enthusiastisch habe ich vorsichtig den Stoff davon entfernt. Das ging erstaunlicherweise sehr leicht. Zum Vorschein kam das: Jetzt erklären sich auch die seltsamen dunklen Flecken in dem Stoff. Das ist nichts anderes als Rost! Nach dem Schleifen mit dem Schwingschleifer habe ich dann mit dem Dremel die Schrauben und Nägel entrostet und mit Zaponlack versiegelt. Oben wurde derweil durch die fachkundigen Hände meiner Frau der Stoff so schonend wie möglich gereinigt. Das Ergebnis war aber eher niederschmetternd. Jeder der das schon einmal gemacht hat wird wissen was ich jetzt auch weiß: Der Stoff wird a.) nicht richig sauber und vor allem b.) läuft er auf jeden Fall ein! :-(( Wie man deutlich erkennen kann sind die Rostspuren noch vorhanden und das gute Stück ist an jeder Seite etwa 5 mm. eingelaufen. Sei´s drum. Das Gehäuse ist nicht mehr Original zu erhalten gewesen, kommt eben auch noch ein anderer Stoff drauf. Wird sich schon was passendes finden.
Kommen wir zur technischen Seite. Der erste Fehler war der durchgebrannte Widerstand. Dieser dürfte seinen Geist wegen der zwei total defekten Kondensatoren aufgegeben haben. Nach auswechseln der drei Teile (grüne Pfeile!) kam der erste Testlauf. Na bitte! Geht doch! Sowohl Mittelwelle als auch UKW laufen problemlos an. Bei UKW verlangt die Taste aber eine schnellste Reinigung, man muß sie ab und an mal bewegen damit das Radio auch anbleibt.
Die nächste Baustelle war der Klangregler. Entweder wurde der beim Vorbesitzer nie bewegt oder er hatte einfach nur Glück! Der Regler sitzt bombenfest! Also Regler ausbauen, in einem Schraubstock spannen und erst einmal mit Bremsenreiniger bearbeiten. Ab und zu immer mal wieder mit einer Kombizange vorsichtig versucht zu bewegen. Nach einiger Zeit kam dann auch der erste Erfolg. Er ließ sich immerhin ein paar Millimeter drehen. Nun wurde mit Schneidöl nachgeholfen. Immer abwechselnd etwas Schneidöl, drehen, Bremsenreiniger, drehen, Schneidöl usw. . Nach etwa 1 Stunde dieser sehr abwechlungsreichen Arbeit funktioniert der Regler wieder wie neu! :-) Viel zu tun gab es jetzt nicht mehr. Noch eben die restlichen 6 Papierkondensatoren gegen neue (blaue Pfeile!) getauscht und schon trällerte der kleine fröhlich vor sich hin. Die von mir zerstörte Taste ließ sich glücklicherweise mit Sekundenkleber unauffällig reparieren. Die Kontakte des UKW-Schalters habe ich mit einem kleinen Radiergummi wieder fit bekommen. Blieb als letzte Aktion noch das geflickte Netzkabel auszutauschen. Das Chassis habe ich nur gereinigt, eine komplette Überholung dürfte dieses Gerät wohl nicht wert sein, es wird auch so noch einige Jährchen funktionieren. Und das ist nun das Endergebnis! Den fleckigen und gammeligen Stoff habe ich gegen ein Musterähnliches Stück ersetzt, alles wieder zusammen gebaut und melde jetzt: Fertig! :-)
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